ESG: Entlastung im Realitätscheck. Warum der Druck auf den Mittelstand trotz CSRD-Reform bleibt

CSRD Richtlinie

Im Dezember 2025 hat die EU das Omnibus-Paket I verabschiedet. Ab sofort gilt: Nur noch Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden und über 450 Mio. Euro Jahresumsatz müssen der CSRD-Berichtspflicht nachkommen.

Für die große Mehrheit des deutschen Mittelstands bedeutet das: sie entfällt.

Klingt nach Entlastung. Doch wer daraus ableitet, dass ESG nun kein Thema mehr ist, übersieht etwas Entscheidendes. Den indirekten Druck, der über Lieferketten kommt, über den Wettbewerb und über die Anforderungen und Erwartung der Kundschaft. Dabei lassen sich heute bei der Dekarbonisierung Ihrer Lieferkette sogar 3-fache bis 6-fache ROIs realisieren. Im Wesentlichen durch vermiedene Kosten aus der künftig steigenden CO₂-Bepreisung.

Heute wird es ein bisschen technisch, denn das ESG hat viel mit Zahlen, Gesetzen und Richtlinien zu tun. Wir haben uns bemüht, das Thema greifbar zu machen.

Kurze Begriffsklärung vorweg

-> Wem ESG, CSRD, Scope 1-3, SBTi & Co. etwas sagen, kann direkt zum nächsten Abschnitt springen.

ESG steht für Environmental, Social und Governance: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Der Begriff beschreibt, nach welchen Kriterien Unternehmen heute bewertet werden:

  • Wie gehen sie mit natürlichen Ressourcen um?
  • Wie behandeln sie Mitarbeitende, Lieferanten und die Gesellschaft?
  • Wie ist das Unternehmen geführt und kontrolliert?

ESG ist kein Gesetz, sondern ein Analyserahmen – genutzt von Investoren, Banken und Geschäftspartnern, um zu beurteilen, ob ein Unternehmen zukunftsfähig aufgestellt ist. Wer heute Kredite aufnimmt, Ausschreibungen gewinnen oder Großkunden halten will, begegnet ESG-Anforderungen… ob er will oder nicht.

CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) ist der regulatorische Teil des ESG: eine EU-Richtlinie, die Unternehmen zur Nachhaltigkeitsberichterstattung verpflichtet. Siehe Einleitung.

Scope 1, 2 und 3 sind die drei Kategorien, in die Treibhausgasemissionen eingeteilt werden.

  • Scope 1 umfasst direkte Emissionen aus Ihrem eigenen Betrieb (z. B. Firmenfuhrpark, Heizung)
  • Scope 2 sind indirekte Emissionen, die Ihnen durch den Verbrauch von extern erzeugter Energie entstehen, zum Beispiel Strom aus dem Netz.
  • Scope 3 – und hier wird es relevant – sind alle indirekten Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette: von der Rohstoffgewinnung der Lieferanten bis zur Entsorgung des Produkts beim Kunden.

SBTi ist eine internationale Organisation, die wissenschaftlich fundierte Klimaziele für Unternehmen entwickelt und validiert. Wer als Unternehmen ein SBTi-Ziel setzt, verpflichtet sich zu Emissionsreduktionen, die mit dem Pariser Klimaabkommen (1,5°C) vereinbar sind.

EU ETS ist das europäische Emissions Trading System. Das Prinzip: Unternehmen aus bestimmten Branchen müssen für jede Tonne CO₂, die sie ausstoßen, ein Zertifikat besitzen. Diese Zertifikate werden gehandelt. Unternehmen, die wenig emittieren, können überschüssige Zertifikate verkaufen, andere, die viel emittieren, müssen zukaufen.

Für Mittelständler ist das ETS meist nicht relevant, außer sie betreiben selbst eine emissionshandelspflichtige Anlage, etwa in der Chemieverarbeitung. Aber das ETS ist ein Maßstab, an dem sich künftige CO₂-Kosten orientieren werden.

Apropos Emissionen

Die Emissionen entlang der Wertschöpfungskette entstehen:

  • vorgelagert (Lieferanten, Zulieferteile, Rohstoffe, Transporte)
  • nachgelagert (Emissionen durch Produktnutzung, Wartung, Recycling, Entsorgung)

Für einen mittelständischen Chemiebetrieb bedeutet das konkret: Die eigenen Emissionen aus Produktion und Fuhrpark sind messbar und bekannt. Aber was ist mit dem Rohstofflieferanten, der die Grundchemikalien herstellt? Dem Transportunternehmen, das gefährliche Güter anliefert? Der energieintensiven Vorverarbeitung beim Vorlieferanten? Genau dieser Kaskadeneffekt ist Scope 3.

Gleichzeitig ist der Chemiebetrieb auch selbst ein vorgelagerter Emittent für seine Kundschaft. Wer Klebstoffe an die Möbelindustrie liefert, Spezialchemikalien oder Abdichtungssysteme an die Bauindustrie, ist Teil derer Emissionsbilanz und wird nach entsprechenden Daten gefragt. Nicht aus eigener Berichtspflicht, sondern der des abnehmenden Unternehmens. Der Druck kommt vom Markt.

-> Große Unternehmen können ihre Emissionen nur dann wirksam reduzieren, wenn sie all ihre Lieferanten einbeziehen.

Scope 3 ist keine Randnotiz

Nur 35% der deutschen Unternehmen messen Scope 3 nach anerkannten Standards. Zum Vergleich: Scope 1 und 2 wird in 46% der deutschen Organisationen gemessen. Doch die Dimension ist eindrücklich: Scope-3-Emissionen sind laut Carbon Action Report 2025 branchenübergreifend im Schnitt 21-mal höher als die direkten oder Scope 2 Emissionen eines Unternehmens. Sie machen also den Löwenanteil Ihrer Emissionen aus.

In einzelnen Branchen ist der Abstand noch drastischer:

  • Einzelhandel: 55-mal höhere
  • Lebensmittelbranche: 45-mal höher
  • Verarbeitendes Gewerbe: 10-mal höher

Alle erfassten Scope-3-Emissionen zusammen entsprechen laut Report fast dem 4-fachen der gesamten EU-Treibhausgasemissionen von 2024.

In Konsumgüterbranchen entfallen 70–75 % von Scope-3 allein auf die vorgelagerte Lieferkette. Für den Mittelstand bedeutet das, er ist Teil genau dieser Emissionsquelle und wird damit zwangsläufig zum Datenlieferanten.

-> Und Scope 3 ist kein reines Kostenproblem, sondern kann sogar Return bringen.

BCG-Analysen zeigen, dass 50 % der Lieferkettenemissionen sich kostenneutral reduzieren lassen. Soll heißen – wenn Sie es nicht für die Umwelt tun, senken sie Ihre und die Emissionen Ihrer Lieferanten und Produkte für Ihr Wirtschaftsergebnis und den Werterhalt Ihres Unternehmens. Denn wer in fünf bis 10 Jahren seinen Betrieb verkaufen oder übergeben will, wird bei der Wertermittlung auch an den Emissionsdaten gemessen.

„Planst du noch oder machst du schon?“

Während wir Deutschen noch tun, was wir am besten können – planen bis zur Paralyse – setzt der europäische Wettbewerb bereits um.

Der Carbon Action Report 2025 von EcoVadis und Boston Consulting, erhob u. a. für Europa (Frankreich, UK, Deutschland) die Umsetzungsquoten von Scope-3-Maßnahmen. Dazu wurden in sieben Themenbereichen insgesamt 19 Einzelindikatoren abgefragt.

In nur zwei Indikatoren hatte Deutschland die Nase vorn: beim Erstellen von Plänen zur Emissionsreduktion und beim Erfassen produktbezogener Emissionsdaten.

36 % der deutschen Unternehmen haben einen solchen Plan. In Frankreich sind es 32 %, bei den Briten nur 26 %. Gut geplant ist halb gewonnen, möchte man meinen. Nur:

Ausgeführt wird beim europäischen Wettbewerb!

  • Einfordern von Maßnahmen der Lieferanten: Frankreich 55 %, UK 52 %, Deutschland 40 %
  • Scope-3-Reporting: Frankreich 33 %, UK 32 %, Deutschland 24 %
  • Systematisches Messen von Scope-3-Emissionen nach anerkannten Standards: UK 48 %, Frankreich 44 %, Deutschland 35 %
  • Klare interne Verantwortlichkeiten, Klimastrategie zu pushen: UK 72 %, Frankreich 66 %, Deutschland 58 %
  • Budget, das aus Plänen Realität macht: Frankreich 37 %, UK 30 %, Deutschland 25 %

Auch beim Thema Nachhaltigkeit gilt, das zeigen diese Zahlen eindrücklich: Wer den Status Quo verwaltet oder zu lange plant und analysiert, der wird zwangsläufig abgehängt.

Denn irgendwer im Wettbewerb hat seine Emissionen jetzt schon im Griff.

SBTi macht Scope 3 faktisch verpflichtend

Die Science Based Targets initiative (SBTi) verstärkt diesen Effekt zusätzlich.

Zentrale Anforderungen (Stand: 1. April 2026):

  • Scope-3-Ziele sind verpflichtend, sobald sie ≥ 40 % der Gesamtemissionen ausmachen und diese Schwelle wird in der Praxis von der großen Mehrheit der Unternehmen überschritten
  • Unternehmen müssen mindestens 67 % (near-term) bzw. bis zu 90 % (Net-Zero) ihrer Scope-3-Emissionen abdecken

Große Unternehmen können Scope 3 damit regulatorisch und strategisch nicht ignorieren und werden ihren Handlungsdruck an die Lieferkette weitergeben.

Die CSRD adressiert primär Transparenz, Reporting und Standardisierung. Sie verändert jedoch nicht:

  • die Verteilung der Emissionen
  • die Abhängigkeit in Lieferketten
  • die Anforderungen von Investoren und Klimazielen

Die CSRD-Entlastung ändert zwar, wer der gesetzlichen Berichtspflicht unterliegt, nicht aber, wen der Markt zur Auseinandersetzung mit dem Thema und zur Einführung von Maßnahmen zwingt.

Fazit: Scope 3 ist der eigentliche Treiber, nicht die Regulierung

Die CSRD-Entlastung ist real und relevant. Sie reduziert Komplexität und administrative Last. Doch der ESG-Druck verschwindet nicht, er wird durch Scope 3 strukturell verankert. Die Studien legen nahe, dass sich ESG operativ verlagert. Weg von Nachhaltigkeitsbericht und Compliance-Abteilung, hin zu Einkauf und Supply Chain Management. Denn genau dort entstehen die meisten Emissionen und somit größten Reduktionspotenziale.

Für den Mittelstand ist die Frage: Sind Sie darauf vorbereitet?

  • Gibt es eine Person, die verantwortlich für Ihre Klimastrategie ist und hat sie hinreichend Kapazitäten für die Umsetzung?
  • Wissen wir, wie hoch Ihre Scope-1-3-Emissionen sind und gibt es ein strukturiertes Reporting?
  • Kennen Sie die Emissionsdaten Ihrer Lieferanten?
  • Haben Sie Ziele zur Reduktion von Scope 1-3 definiert und sind diese mit Timeline und Budget hinterlegt?

Wenn Sie diese Fragen nicht durchgehend mit JA beantworten können, ist das ein Signal, das Thema strukturiert anzugehen. Und genau deshalb ist die aktuelle Phase keine Entlastung im eigentlichen Sinne, sondern eine strategische Übergangsphase.


Wenn Sie sich fragen, wie das konkret für Ihr Unternehmen aussieht: Das ist eine Frage, die sich gut in einem ersten Gespräch klären lässt. neumacher begleitet mittelständische Unternehmen bei strategischen Transformationsprozessen. Lassen Sie uns reden.